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Der Doktor und das liebe Vieh

Redaktion: Thomas Herget / Fotos: rhino press

aus: Fritz Das Magazin
Ausgabe: August 2003

Mit dem Großprojekt "Gondwanaland" wagt das Vivarium Darmstadt einen Blick in die Vergangenheit, der auch für andere Zoos zukunftsweisend sein könnte. Mittendrin: der unkonventionelle Tierparkleiter Thomas Becker. Ein Porträt von Thomas Herget

Früh um vier kann die Welt nicht in Ordnung sein. Nicht, wenn einen wieder dieser Reizmagen aus allen Träumen reißt. Vor einer halben Stunde hat ihn der Pfleger aus dem Bett geklingelt, jetzt steht Thomas Becker wie ein kleiner Junge vor dem Käfig der Binturongs und jagt einer der wertvollen Schleichkatzen mit dem Blasrohr eine bunte Betäubungsmittelinjektion ins Fell - Plopp! Im Gesicht des Zoodirektors tobt ein Krieg auf Leben und Tod, seit Tagen verweigert das gedrungene Tier die Nahrung. Dann Entwarnung nach eingehender Untersuchung unter Narkose: Ein paar Wochen Schonkost sollten dem behäbigen Vertreter seiner Art wieder Appetit machen.
Die Angst um den nachtaktiven Einzelgänger ist begründet, denn Schopfmakaken und Binturongs zählt der rührige Vivarium-Leiter zugleich zu den Highlights des Tiergartens. "Beide Arten züchten wir nach und geben sie an andere Zoos ab." Die Darmstädter Einrichtung, nach dem Krieg in der Orangerie und seit 1965 zwischen Botanischem Garten und Lichtwiese gelegen, gehört der europäischen Zoovereinigung an, die regelmäßig so genannte Tiertauschlisten erstellt, über die die Darmstädter Exemplare erhalten oder an andere Einrichtungen abgeben. Der Stolz, nebenbei durch Aufzucht und Auswilderung bedrohter Arten wie Wildkatze oder Mönchsgeier wichtige Beiträge zum Arten- und Naturschutz zu leisten, ist Beckers Team noch im Morgengrauen anzusehen - auch wenn das nun eine Kappe Schlaf bräuchte.
Die tägliche Arbeit mit neugierigen Mähnenschafen, kapriziösen Pfauen und in sich ruhenden Boas fordert nicht nur das Kind im Manne, sondern auch den Handwerker im Arzt heraus. So kommt es, dass Thomas Becker während seiner Rundgänge schon mal selbst Hand anlegt, wenn etwa Guanakos und Nandus nach der Eingewöhnungsphase endlich zusammen eingezäunt werden sollen oder das Dach überm subtropischen Watvogelhaus leckt. Flache Hierarchien bei hoher persönlicher Leistungsbereitschaft schätzt der einstige Weltenbummler, der sein Handwerk in Zoos von Frankfurt bis Sydney erlernte und vor Jahren "mehr durch Zufall" am Woog hängen blieb: "Leute mit geregelter Acht-Stunden-Mentalität sind bei uns sicher an der falschen Adresse." Ja, es stimmt, er habe "tolle Mitarbeiter." 29 sind es mittlerweile, darunter zwölf Tierpfleger und sechs Azubis, die schon mal nach der Arbeitszeit auf dem über vier Hektar großen Areal nach dem Rechten sehen oder ihren schon fest eingeplanten Urlaub verschieben. "Meine Assistentin ist Biologin, wir lernen täglich voneinander", umschreibt der gebürtige Griesheimer den Synergieeffekt. Und dass sie ihm nebenbei ein bisschen das Administrative vom Leib hält, empfindet er nicht als Nachteil, "das schafft Freiräume für Wesentliche."
Das "Wesentliche" füllt mittlerweile Konvolute von Bebauungsplänen in Leitz-Ordnern und lässt die Regale in Beckers Arbeitszimmer inmitten des Parks durchbiegen: "Gondwanaland" nannte sich einst der Superkontinent, der vor rund 130 Millionen Jahren das heutige Australien, Afrika, Südamerika und die Antarktis verband. In rund zwanzig Jahren soll man in einer Anlage gleichen Namens von Darmstadt aus zur kleinen Weltreise durch die untergegangene Südhalbkugel starten können, sollen Besucher Teil des sagenhaften Lebensraumes werden, in dem einst Menschen, Tiere und Pflanzen ihren Marsch durch die Evolution antraten. Dafür, dass der erste Spatenstich für das ehrgeizige Projekt kein Wunschtraum bleibt, sorgen Mitglieder aus dem Verein "Ehrenamt für Darmstadt", die schon heute dem Zoolädchen und Infomobil vorstehen, sowie von der Fördergesellschaft Kaupiana. Viertausend Mitglieder gehören diesem Zusammenschluss an, der Spenden sammelt und Ideen initiieren. "Alle drei, vier Jahre springt so ein neuer Gehege-Neubau heraus", freut sich Betriebsleiter Becker, dessen Tierarzttätigkeit mitunter zum Nebenjob verkommt, wenn er einmal mehr als Elektriker, Schreiner oder eben Landschaftsplaner in der Pflicht steht. "Mein Berufsbild ist genau genommen eine Neverending-Story."
Nicht selten wird die Opferbereitschaft des Selfmade-Mannes weniger von Kamelen, Ziegen oder Bisons als von zweibeinigen Zeitgenossen auf die Probe gestellt. Dass ihn Feuerwehr, Polizei oder eigenes Personal zu Notfällen aus dem Bett holen, damit kann er umgehen, gesteht er. Warum ihm wohlmeinende Menschen aber immer noch Feuersalamander und ähnliches Gewürm vor die Haustüre legen, das will Becker nicht in den Kopf: "Schon die Jüngsten lernen doch heute in der Schule, dass Kreuzottern und viele Lurcharten in unserer Fauna längst wieder heimisch sind." Apropos Kinder. Mit ihrer Ursprungsidee, den monotonen Schulunterricht mit Exkursionen ins Grüne aufzulockern, ist die zum Darmstädter Grünflächenamt gehörende Anlage mit ihren jährlich 200 000 Besuchern nach wie vor fest verwurzelt: "Wir sind ein Familienzoo", sagt Becker, "ich muss nicht ständig darauf achten, wo meine Kinder hinlaufen." Neben jenen nach der Gesundheitsprophylaxe bei Zebras stünden deshalb gleichberechtigt Fragen wie: "Wo schaffe ich Ruhebereiche, in denen die Kids ihre Pausenbrote auspacken können." Um vor den jungen Zoobesuchern nicht als schlechtes Beispiel dazustehen, will der 45-Jährige auch nicht für ein Foto auf "Adam" reiten. Die hundertjährige Seychellen-Riesenschildkröte - sie ertrug die Bebauung der Mathildenhöhe und überlebte zwei Weltkriege - würde zwar nicht unter dem Gewicht ihres Docs in die Knie gehen, "aber wenn das jemand sieht, will jeder drauf."
Superlative sind ohnehin nicht das Markenzeichen des Tierparks im Osten der Stadt. "Wir werden hier nie Elefanten halten", verspricht Becker, "weil wir die Leute auch mit den vorhanden Tieren für den Artenschutz sensibilisieren können." Daneben gelte es, den noch immer schlechten Ruf deutscher Zoos als triste Verwahranstalten entgegenzutreten. 99 Prozent der Säugetiere am Schnampelweg 4 seien schon in hiesigen Zoos nachgezogen, "die großen Wildfangdramen sind längst Geschichte." Unwiderleglich ist hingegen der Bärenhunger, den auch kleinere Arten wie Wildkatzen oder die regenbogenfarbenen Loris in den Volieren an den Tag legen. 3000 Ratten und 14 000 Eier verschwinden beispielsweise so pro Jahr in den Schlündern und Schnäbeln von 700 Tieren, 10 Tonnen Äpfel und 40 Tonnen Heu müssen herbeigekarrt werden. Kann der laufende Betrieb noch durch Eintrittsgelder und Spenden gedeckt werden, so muss die Stadt bei den Personalkosten zuschießen. Zudem unterstützen Tierpaten und die Fördervereine die schnellere Modernisierung der Gehege. Bei dem nur selten hinterfragten Thema Geburtenkontrolle setzt man neben Kastration und chemischer Keule mittlerweile verstärkt auf die preiswerte Variante der Bestandsminimierung: "Bei den Mähnenspringern haben wir schon eine reine Männergruppe."
Wie anstrengend es sein kann, wenn sich das Wunder der Schöpfung in den heimischen vier Wänden austobt, musste Freigeist Becker dann erfahren, als ihm das Schicksal eines verwaisten Kängurubabys erst ans Herz, dann in den Beutel gewachsen ist. "Ist unser Chef wieder schwanger?" feixten Mitarbeiter, als Becker den Springfloh monatelang in einem Tragetuch vor sich herschleppte und am Ende die "Hopserei rund um mein Bett nur noch schwach ertrug." Trotz solch bebender Erlebnisse will sich der Direktor bis heute auf kein Lieblingstier festlegen: "Die Biologie ist insgesamt zu spannend." Vielleicht habe er auch schon zu viel gesehen von der Welt. Zu viel jedenfalls, um jetzt als Direktor mit seinen Leuten über Manteltarifverträge und unbezahlten Urlaub zu diskutieren. Dass es dem Macher Ernst ist mit dem Umbau des Vivariums in Gondwanaland, veranschaulicht deshalb eine weitere martialische Übungseinheit mit spitzer Nadel. "Das Hauptwerkzeug des Zootierarztes ist wirklich das Blasrohr", witzelt Becker zwischen zwei Volltreffern in der Kork-Zielscheibe, "nicht das Stethoskop."